Wie kann man sich nur freiwillig in eine Welt begeben, in der es nie Tageslicht gibt, die geradezu lebensfeindlich scheint und die eigentlich eine Männerdomäne ist? Als einzige Frau unter Männern? Angeregt durch einen Literaturwettbewerb, der das Ruhrgebiet zum Thema hatte, kam mir der Gedanke, wie es denn wäre, für einige Tage die Arbeitsbedingungen der Männer unter Tage und die Atmosphäre einzufangen, die sie umgibt. Als Bekannte und Freunde von diesem Vorhaben hörten, fragte mich jemand, ob ich jeden Tag herunter fahren oder die gesamte Zeit unter Tage bleiben würde. Ich hielt diese Frage zunächst für einen schlechten Scherz. Doch am ernsten Gesicht meines Gegenübers konnte ich feststellen, dass diese Frage tatsächlich ernst gemeint war. Mir ist dadurch bewusst geworden, wie wenig selbst die Bewohner des Ruhrgebiets von den Arbeits- und Lebensbedingungen unter Tage wissen. Was eigentlich ironisch klingen sollte, diente nun der Aufklärung – dass es nämlich in 1000 Metern unter der Erde keine Waschräume oder gar Bäder gibt, noch weniger einen Kiosk, an dem man sich mit Getränken versorgen kann und auch ein Restaurant wird man nicht im Tagesbetrieb vorfinden. Auch einen Imbiss, der sich um das Wohl der Arbeiter sorgt, wird man vergeblich suchen.
Offensichtlich herrscht große Unkenntnis über das, was sich in der Tiefe unter unseren Häusern, Gärten und Straßen der Städte in den vergangenen Jahrzehnten und in einigen wenigen Bereichen noch heute abspielt. Daher ist es mir ein Anliegen, darüber zu berichten. Von einer Zeit, die schon bald nur noch Geschichte sein wird, wenn nämlich auch die letzte Zeche geschlossen wird.
Hierbei geht es mir nicht um die technischen Erklärungen im Detail, wie der Streckenausbau im Bergbau vorangetrieben wird. Das können Fachleute viel besser und es gibt darüber bereits einschlägige Literatur. Auch geht es mir nicht um die Auflistung statistischer Daten, die jeder Interessierte im Internet oder in den Chroniken der Bergwerke nachlesen kann. Vielmehr will ich in allgemein verständlicher Sprache einen Überblick über einige Dinge geben, die für Bergleute selbstverständlich, für die Mehrzahl der Menschen aber völlig neu sind. Denn ich selbst musste immer wieder nachfragen, wenn mir Bergleute etwas erklärt haben. Sie haben eine eigene Sprache, die ihnen geläufig ist und die verwendeten Begriffe waren mir auch in vielen Fällen fremd. Einiges war mir schon durch meinen Vater und Großvater bekannt, aber vieles hatte ich noch nie gehört. Wie der Arbeitsalltag unter Tage aussieht, kann sich niemand vorstellen, der noch nicht unten war. Es ist eine eigene Welt und um sie verstehen zu können, musste ich mich an den Ort des Geschehens begeben: unter Tage!
