Zu diesem Treffen lädt uns Walter Hüßhoff in sein Haus ein. In der oberen Etage hat er sich, seit die Kinder ausgezogen sind, ein eigenes Reich mit Büro und Fitness-Geräten, einer gemütlichen Sitzecke und einer Küche mit einem Esstisch eingerichtet, an dem wir in den nächsten Monaten diverse Interviews führen werden. Wir sind über die Vielseitigkeit dieses Mannes überrascht, der Kurzgeschichten und Gedichte verfasst und uns die selbst gemalten Bilder zeigt, welche die Wände im Treppenhaus und in den Räumen zieren. Obwohl es noch vieles zu sehen und zu erzählen gäbe, berufen wir uns doch auf den Anlass unseres Besuchs und wollen mit dem eigentlichen Interview beginnen. Dazu macht sich jeder von uns seine eigenen Notizen, um sie später für den Text miteinander abgleichen zu können. In lockerer Atmosphäre berichtet uns Walter Hüßhoff, dass die ehemalige Schachtanlage Graf Moltke zu den ersten Bergwerken gehörte, die nach der Eingliederung in die Ruhrkohle AG stillgelegt wurden. Damit endete für diese Schachtanlage eine fast einhundertjährige Geschichte.
Am 12. November 1971 herrschte auf der Hängebank noch reger Betrieb. Ein Kohlenwagen nach dem anderen rollte aus dem Förderkorb zur Wäsche. Neben den Offiziellen und dem Bergwerksdirektor Dinsing waren vereinzelt ehemalige Bergleute und auch einige Kumpel gekommen, die eigentlich keine Schicht hatten. Um 17.30 Uhr kam der Korb mit dem letzten blumengeschmückten Wagenhoch und als sich das Geraune legte, trat Stille ein. Wenige Stunden später verließ der letzte Kumpel den Schacht und die noch verbliebenen 1511 Bergleute wurden auf die Schachtanlage Hugo in Buer verlegt.
Einer von diesen Bergleuten war Walter Udo Hüßhoff, der am 12. Februar 1949 in Gladbeck-Brauck auf der Klarastraße geboren wurde. Seine Wurzeln reichen mütterlicherseits bis nach Schlesien und väterlicherseits nach Mühlheim und bis in die Tschechoslowakei. Seine Eltern wurden jedoch bereits beide in Essen-Karnap geboren. Der Vater, der als Einschaler auf dem Bau beschäftigt war, wünschte sich nach einem Sohn eine Tochter, für die auch schon der Name „Waltraud“ ausgesucht war. Nachdem aber nicht das ersehnte Mädchen geboren wurde, musste das Kind Walter genannt werden. Seine Mutter war als Hausfrau immer für die Kinder da und bei ihrer Schwester wohnte die vierköpfige Familie auf zwei Zimmern zur Untermiete.
Nach dem Besuch eines Kindergartens begann für Walter Hüßhoff in der evangelischen Schillerschule an der Roßheidestraße 1955 der Ernst des Lebens. Viele Lebenserinnerungen aus dieser Zeit prägen ihn noch heute und er denkt mit einem lachenden und einem weinenden Auge an seine Kindheitstage. So wurde auf der Zeche Graf Moltke in dem Erzgang Klara eine Blei-Zink-Vererzung abgebaut und obwohl der Bereich der „Silberberge“, wie die Kinder den Erzabraum nannten, natürlich nicht öffentlich zugänglich war, spielten sie auf dem Areal oft Cowboy. Bevor Walter Hüßhoff nach acht Schuljahren aus der Schule entlassen wurde, fragte ihn ein Berufsberater, was er denn gerne werden möchte. Auf seinen Berufswunsch Schlosser oder Schmied schickte ihn der Berufsberater zur Ausbildungsabteilung auf der Zeche Graf Moltke 3/4, weil dort noch Auszubildende gesucht wurden. Allein schon wegen der Deputatkohle war Walter Hüßhoff von dem Vorschlag begeistert, denn durch die ärmlichen Familienverhältnisse langte es kaum für eine ausreichende Beheizung der Wohnung. So begann er am 1. April 1963 eine Ausbildung zum Betriebsschlosser, wobei ihn gute Lehrgesellen unter ihre Fittiche nahmen, die ihn auf den richtigen Weg brachten. Seiner raschen Auffassungsaufgabe hat er es zu verdanken, dass er bei einem Schmied alles von der Pike auf erlernen durfte. Gearbeitet hat er zu dieser Zeit schon im Akkord und sogar bei großen Aufträgen zog man den Auszubildenden mit ein, und er wurde von den Älteren voll akzeptiert.
Bis zu seinem sechzehnten Geburtstag durfte Walter Hüßhoff aber nur im Tagesbetrieb eingesetzt werden. Danach ging es für ihn ins Lehrrevier unter Tage, in dem damals noch der Abbauhammer zum Einsatz kam, und er sich als Mann unter Männern fühlte. Die Ära der Modernisierungen im Bergbau fiel in diese Zeit und so erlebte er den Übergang von den Rutschen zum ersten Panzerförderer oder auch den Einsatz der ersten hydraulischen Stempel mit. Auf der Zeche Graf Moltke hielt der automatische Ausbau mit einem ersten Gleithobel Einzug. Ab dem 1. Januar 1967 war er als Grubenschlosser in der Wasserhaltung für diverse Pumpen zuständig und konnte Reparaturen schnell durchführen. Während dieser Zeit erhielt er einen Schichtlohn von 29,33 Mark, doch wollte er so viel, wie ein Hauer im Gedinge verdienen und drohte damit, „in den Sack zu hauen“. Fortan wurde er als Lehrhauer mit Zuwendung für die Nachtschichten im Gedinge eingeteilt. An selbstständiges Arbeiten am Schacht war er gewöhnt und er konnte im Jahr 1969 auf Stinnes 3/4 seine Hauerprüfung ablegen. Zug um Zug raubte er mit seinem Kumpel an einem Tag einen Streb, den sie am nächsten Tag schon wieder einbauten.
Trotz, oder gerade wegen der vielen Arbeit verlangte es Walter Hüßhoff auch nach Abwechslung. Mit Freunden fuhr er nach Schalke zu einer großen Diskothek, in der während eines Besuches im Jahr 1970 ganz plötzlich Anne vor ihm stand und er spürte nur noch Schmetterlinge im Bauch. Selbst auf seine Arbeit konnte er sich nur noch schlecht konzentrieren, wenn er auf der 6. Sohle in einem stillgelegten Revier unterwegs war und an sie dachte. Mit Anne, die als Friseurin einen Salon in Gladbeck leitete, traf er sich danach jeden Tag und so folgte ein Jahr später die Verlobung und im Jahr 1972 die Hochzeit. Eine Tochter machte das Glück zwei Jahre später vollkommen und heute freut sich das Ehepaar über zwei Enkelinnen.
Zu der Zeit, als Walter Hüßhoff seine Frau kennenlernte, kursierten auch erste Gerüchte um eine Schließung des Bergwerkes Graf Moltke. Auf einer Belegschaftsversammlung wurden diese Gerüchte dementiert, doch am nächsten Tag war in der Zeitung bereits von der Schließung zu lesen. Graf Moltke wurde als eine der ersten Anlagen der Ruhrkohle AG geschlossen und die Bergleute zur Zeche Hugo verlegt. Sie mussten einen geringeren Verdienst hinnehmen und sich mit großen Umstellungen vertraut machen. Während sie von Graf Moltke nur flache Lagerungen gewohnt waren, hatten sie auf Hugo mit halbsteilen und sogar steilen Lagerungen im Flöz zu kämpfen. Flöz Dickebank war schon für die Zeit modern ausgebaut und gleich in der Verlegungsschicht auf Hugo fanden Walter Hüßhoff und seine Kumpel ein Desaster vor: Ein Hobel- und kompletter Kettenriss legten den gesamten Betrieb lahm. Die Bergleute auf Hugo standen dem Unglück völlig ratlos gegenüber und niemand wusste von ihnen, wie das Problem angegangen werden könnte. Ganz anders sah es für die von Graf Moltke kommende Belegschaft aus, die in allen Tätigkeiten geschult waren. Sie packten die Arbeit an und fuhren eine doppelte Schicht, bis wieder alles lief. Bei den Kumpeln von Hugo löste das großes Erstaunen aus und man zollte ihnen Respekt. Ihr Einsatz wurde vom Bergwerk mit einer dreifach bezahlten Schicht belohnt!
Mit siebenundzwanzig Jahren wurde Walter Hüßhoff Aufsichtshauer, war für seine Kumpel Vertrauensperson und durch seine Mitarbeit im Betriebsrat konnte er viele Kontakte knüpfen. Am 1. Mai 1986 zählte er im Kolpinghaus zu den Gründungsmitgliedern des Knappenvereins, den er für einige Jahre bis 1996 als erster Vorsitzender führte. Er erinnert sich an einen Umzug mit über eintausend Knappen während des achten Nordrhein Westfälischen Knappentages am 2. und 3. Mai 1992. Ein Höhepunkt in seinem Leben ist aber zweifellos seine Rolle als Wortführer im Bundeskanzleramt. Im Jahr 1986 stand auch der weitere Betrieb des Bergwerks Hugo auf der Kippe. Direkt nach der Nachtschicht machten sich sechs Kumpel als „Looser“, wie er es nennt, auf den Weg nach Bonn, um Bundeskanzler Kohl eine Petition zu überreichen. Als „Gewinner“ kamen sie zurück, denn sie erreichten mit ihrem Einsatz, dass Hugo noch nicht geschlossen wurde. Mit Tränen in den Augen erzählt er uns von dem überwältigenden Gefühl, wie sie im Ruhrgebiet empfangen wurden und überall die Kirchenglocken läuteten!

Die Solidarität der Menschen im Ruhrgebiet mit dem Bergbau spürte er hautnah am 14. Februar 1997. Mit einem „Band der Solidarität“ bildeten 220.000 Menschen eine knapp einhundert Kilometer lange Menschenkette quer durchs Ruhrgebiet, um für den Erhalt der Arbeitsplätze im Bergbau zu demonstrieren. Die Kette reichte von Neukirchen-Vluyn bis nach Lünen und auf einer Brücke in Duisburg-Rheinhausen standen die Menschen in Dreierreihen. Damit zählt diese Demonstration wohl zu einer der spektakulärsten in der Geschichte der Bundesrepublik und nicht nur Walter Hüßhoff dürfte an dem Tag das Herz vor Begeisterung übergeschäumt sein.
Im Jahr 1996 ist Walter Hüßhoff aufgrund eines schweren Unfalls aus dem Berufsleben ausgeschieden und suchte nach einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Die Förderung der Jugend hat er sich zur Aufgabe gemacht und in Zusammenarbeit mit Gladbecker Schulen schon viele Projekte, wie beispielsweise die Aufführung eines Theaterstücks oder das Musical „Ich will leben“ und zuletzt ein Hörbuch mit den Schülern umgesetzt, was ihn mit Stolz erfüllt. Von dem Musical „Ich will leben“ hatten wir schon einmal gehört, doch dass es ein Projekt einer Schule war, ist uns völlig neu und wir wollen mehr darüber erfahren.
Nach dem Theaterstück um den Bergarbeiterstreik von 1889 und dem Musical „König von Zeche“ war „Ich will leben“ bereits das dritte Schulprojekt, erklärt uns Walter Hüßhoff. Das Musical wurde nach seiner Idee mit Schülerinnen und Schülern der Erich-Fried-Schule erarbeitet. Über einen Zeitraum von fast einem Jahr probten sie mit musikalischer Unterstützung von Norbert Gerbig sowie weiterer fachkundiger Begleitung durch die Lehrkräfte Friederike Dopp, Reinhard Dannhoff und dem Berufseinstiegsbegleiter Bernd Häßler von der Erich-Fried-Schule. In dem Stück wurden Liebeskummer, Freundschaft und Zukunftsängste sowie die individuellen Lebenserfahrungen der Jugendlichen thematisiert. Die Aufführung am 6. Juni 2011 in der restlos ausverkauften Stadthalle war ein riesiger Erfolg, über den sich Schülerinnen und Schüler sowie deren Großeltern und Eltern aus fünfzehn unterschiedlichen Nationalitäten gefreut haben.
Auf Anregung von Walter Hüßhoff hat der REVAG Geschichtskreis Zeche Graf Moltke in Gladbeck einen Wanderweg auf den Spuren des Steinkohlenbergbaus angelegt, der noch weiter ausgebaut wird. Für sein außerordentliches Engagement in zahllosen Projekten erhielt er 2011 von Bürgermeister Ulrich Roland die Ehrenplakette, die höchste Auszeichnung der Stadt Gladbeck. Im Jahr darauf wurde ihm der „Vestische Preis für Menschen mit Ideen“ verliehen und er hat auch schon wieder eine neue Vision: Ein fünfundzwanzig Meter hoher Bergmann soll sich als Wahrzeichen für Gladbeck durch Windkraft auf einer Halde drehen und dabei Strom erzeugen. Damit wäre die traditionelle Figur des Bergmanns mit moderner Energiegewinnung in Einklang gebracht. Doch wird dies sicherlich nicht die letzte Idee von Walter Hüßhoff sein!
Bergmannsfrühstück von Beatrix und Michael Petrikowski

Books on Demand 2014
Broschur
224 Seiten
ISBN 978-3-7386-0524-2