Mein erster Schritt bestand darin, dass ich einen guten Bekannten um eine Vermittlung bei den entsprechenden Stellen der Ruhrkohle AG gebeten habe. Nachdem das erste Feedback mir Hoffnungen machte und ich ungeduldig nachfragte, wurde ich belehrt: Der Bergbau plant zwar lange, aber dafür auch gut! Und selbstverständlich müsse mein Besuch bei der Bergbehörde beantragt und genehmigt werden. Da es sich in diesem Fall nicht nur um eine normale Grubenfahrt handelt, wie sie sonst schon mal Besuchergruppen erlaubt wird, müssen enorme Anstrengungen für diesen Ausnahmefall seitens der RAG unternommen werden. So hieß es für mich, dass ich mich weiterhin in Geduld üben muss, was nicht gerade zu meinen Stärken zählt.
Beatrix Petrikowski
Buer – Dienstag, 7. März 1972, 9.30 Uhr
Gerade klingelt es zur großen Pause. Das wird aber auch langsam Zeit! Frau Middeldorf unterrichtet die Hauptschüler einer neunten Klasse in Buer im Fach Erdkunde und ihr Unterricht wirkt auf die Schüler wie eine Schlaftablette.
„Halt! Noch einen Moment! Als Hausaufgabe gebe ich euch …“, Frau Middeldorf verstummt, denn die Hälfte der Schüler hat schon längst den Klassenraum verlassen, und die übrig gebliebenen strafen ihre Lehrerin mit Missachtung.
Die Entführung
Heute bleiben Daniel und Sabrina das erste Mal einen Abend alleine zu Hause. Ihre Eltern gehen ins Theater und haben sich Karten für eine Oper besorgt, auf die sie sich schon lange freuen. Wenn die Eltern in der Vergangenheit zu einer Feier bei Freunden eingeladen waren, kam immer ihre Oma Hanni zu Besuch und passte auf die beiden Kinder auf. Doch vor wenigen Wochen ist Oma ganz plötzlich verstorben. Die Eltern wollten sich schon an der Theaterkasse erkundigen, ob sie ihre Eintrittskarten zurückgeben können. Aber der zwölfjährige Daniel konnte sie davon überzeugen, dass er und Sabrina schon alt genug und vernünftig sind, um einen Abend alleine bleiben zu können. Seine Schwester wird immerhin auch schon bald ihren zehnten Geburtstag feiern. Nachdem die Familie noch zusammen zu Abend gegessen hat, schauen die Kinder zu, wie der Vater einen Mantel aus dem Schrank holt und ihn der Mutter reicht.
Die Aktentasche – Prolog
Es hätte alles so schön werden können! Über ein paar Jahre hinweg habe ich Geld auf die hohe Kante gelegt, was gar nicht einmal schwer war, denn die Gäste, die zu uns kommen, sind teilweise vermögend, um nicht zu sagen, in meinen Augen steinreich. Gemessen an meinem bescheidenen Gehalt, wohl gemerkt. Als Empfangschef ist es quasi meine Pflicht, immer auch mal nach dem Rechten zu sehen. Auf den Zimmern. Größere Geldbeträge liegen natürlich nicht einfach so in den Zimmern herum. Und selbst wenn, dann wäre ich natürlich nie so dumm gewesen, mir einen dicken Schein einzustecken. Das Verschwinden einer größeren Summe wäre schließlich sofort aufgefallen und hätte ein schlechtes Licht auf unser Hotel geworfen.
Ein Kind des Ruhrgebiets
Wenn ich auf Reisen gefragt werde, woher ich komme, dann ist mit „Ruhrgebiet“ in der Regel die Frage erschöpfend beantwortet. Im Ausland wird mir durch ein Kopfnicken signalisiert, dass man mich nun geographisch einordnen kann. Befinde ich mich in deutschen Landen, erreicht mich eher ein bedauernswertes „Aha“. Jeder weiß jetzt, woher ich komme: Aus dem „Kohlenpott“! Wo die Luft von den Abgasen der zahlreichen Schornsteine verpestet, ist und wo es keine Grünflächen gibt. Man hat es auch schon längst geahnt, denn mein Ruhrgebietsdialekt hat mich verraten. So bedauernswert die Blicke auch sein mögen, sie können mich nicht treffen und ebenso wenig verletzen. Diese Erfahrung teile ich mit den meisten Menschen, die hier aufgewachsen sind.
Paderborn – Dienstag, 21. Februar 2012, 0.41 Uhr
Meine Liebste,
zuerst hast du mir geschrieben, dass du dich von Philipp trennen und zu einer Anwältin gehen willst. Dann kam deine SMS, dass wir uns trennen, und deine lange Mail deshalb für mich nicht mehr so schlimm wäre. Ich liebe dich so sehr, dass ich das nicht ertragen kann. Die Vorstellung, dich nie wieder in meinen Armen zu halten, dich nicht mehr streicheln zu dürfen, dich nie mehr zu küssen… Ich habe dir gesagt, dass ich dich für immer lieben werde, bis zu meinem Tod, und das ist auch so. In zwei bis drei Stunden werde ich tot sein, und danach endet dann auch meine Liebe, denn von mir wird nichts bleiben.
Was geht im Operationssaal ab? – Vorwort
Nachdem ich mein erstes Buch über den Bergbau „Was geht unter Tage ab?“ fertig gestellt hatte, kam mir spontan die Idee, ein Buch über alle Vorgänge, die mit einer Operation zusammenhängen, zu schreiben. Dazu wollte ich nicht nur in einem Krankenhaus die Patienten vor einer geplanten Operation über ihre Ängste befragen, sondern auch bei den anstehenden Operationen live dabei sein.
Was geht unter Tage ab? – Vorwort
Wie kann man sich nur freiwillig in eine Welt begeben, in der es nie Tageslicht gibt, die geradezu lebensfeindlich scheint und die eigentlich eine Männerdomäne ist? Als einzige Frau unter Männern? Angeregt durch einen Literaturwettbewerb, der das Ruhrgebiet zum Thema hatte, kam mir der Gedanke, wie es denn wäre, für einige Tage die Arbeitsbedingungen der Männer unter Tage und die Atmosphäre einzufangen, die sie umgibt. Als Bekannte und Freunde von diesem Vorhaben hörten, fragte mich jemand, ob ich jeden Tag herunter fahren oder die gesamte Zeit unter Tage bleiben würde. Ich hielt diese Frage zunächst für einen schlechten Scherz. Doch am ernsten Gesicht meines Gegenübers konnte ich feststellen, dass diese Frage tatsächlich ernst gemeint war.