Mit dem Förderkübel unter Tage

Die Bergbaugeschichte Gladbecks nahm ihren Anfang im Dezember 1873 mit der Abteufe von Schacht I westlich der Landstraße zwischen Gladbeck und Horst, denn bevor die Zeche „Rieckchen“ errichtet werden konnte, mussten erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden. Damit die ersten Bergleute mit dem Ausbau des Streckennetzes beginnen konnten, wurde der Schacht, in dem später der Förderkorb die Bergleute unter Tage befördern sollte, ausgehoben. Den ersten Spatenstich machte der Gladbecker Bergmann Lindemann und parallel zur Abteufe entstanden das Kesselhaus, ein Malakowturm, eine Dampffördermaschine für zwei Förderkörbe, eine Waschkaue sowie ein Verwaltungsgebäude. Das Steinkohlengebirge wurde im Jahr 1875 bei einer Teufe von 306 Metern erreicht und man wagte sich noch bis auf insgesamt 458 Metern weiter in die Tiefe. Das Bergwerk wurde im Jahr 1879 in „Graf Moltke“ umbenannt und direkt neben Schacht I wurde in den Jahren 1884 bis 1887 Schacht II niedergebracht. Große Wassereinbrüche erschwerten die weiteren Arbeiten. Bereits mit dem Aufkauf durch die Zeche „Nordstern“ am 1. Januar 1899 wurden freie Felder in Gladbeck-Brauck erschlossen, auf denen von 1900 bis 1903 Schacht III und in unmittelbarer Nachbarschaft dazu von 1902 bis 1904 Schacht IV abgeteuft wurden. Erst die Phoenix AG baute nach der Übernahme am 1. Januar 1907 das Bergwerk zu einer technisch bestens funktionierenden Anlage aus.

Zu Beginn des Steinkohlebergbaus musste bei der Abteufe das lose Haufwerk noch per Hand in einen Kübel geschaufelt werden, mit dem die Arbeiter natürlich auch selbst in die Tiefe gelassen wurden. Schicht für Schicht musste auf diese Weise abgetragen werden. Für die Arbeiten griff man auf Maurer zurück, die nach und nach den runden Schachtausbau mit Ziegelsteinen mauerten. Willi Böing war einer dieser Maurer, die bei dieser gefährlichen Arbeit ihr Leben riskierten, denn häufig kam es zu Unfällen, die nicht selten mit dem Tod endeten.

Willi Böing erblickte am 9. September 1936 im Stadtteil Zweckel das Licht der Welt. Während seine Mutter aus Gladbeck stammte, kam sein Vater aus Borken ins Ruhrgebiet, weil er hier als Maschinenschlosser bei der Zechenbahn über Tage eine Arbeit finden konnte. Mit seinen Eltern und zwei weiteren Brüdern zog Willi Böing 1939 als Siedler nach Rentfort, wo schon damals ein Siedlungsprojekt in Selbsthilfe entstand und als Vorbild für die späteren Moltkesiedlungen diente. Während des Zweiten Weltkriegs waren die Kinder mit der Mutter auf sich gestellt, da der Vater als Soldat im Krieg war.

Seine Schulzeit war durch den Krieg bedingt nur von kurzer Dauer. Im Jahre 1942 wurde er eingeschult, aber schon im Herbst desselben Jahres fand bis zum Kriegsende 1945 kein Unterricht statt. Als Willi Böing 1950 aus der Schule entlassen wurde, träumte er von einer Ausbildung als Koch oder Konditor. Doch dieser Traum ging leider nicht in Erfüllung und er konnte froh sein, durch Beziehungen seines Vaters überhaupt eine Maurerlehre machen zu können. Nach dem Abschluss der Ausbildung arbeitete er noch vier Gesellenjahre als Maurer, bis er wieder einmal im Herbst wegen „Schlechtwetter“ eine für die Baubranche übliche Zwangspause einlegen musste und kein Einkommen hatte. Als Junggeselle hatte er damals nämlich keinen Anspruch auf das volle Stempelgeld und erhielt nur eine Mark pro Tag. So ging er für fünf Monate als Bergmann ins Lehrrevier der Zeche Graf Moltke, um anschließend wieder für ein halbes Jahr zum Bau zu wechseln. Über Beziehungen konnte er noch einmal einen beruflichen Wechsel zu einer Abteuffirma vollziehen, die Maurer für den Schachtbau suchte, denn auch die Schächte mussten während der Aushebungsarbeiten ausgemauert werden.

Seine Frau Gisela lernte er 1953 im Gladbecker Nordpark, in dem es früher einen Bootsverleih gab, kennen. Er war mit einigen Kumpeln dort und seine spätere Frau mit ihren Freundinnen. Irgendwie hatte es sich dann ergeben, dass die beiden ins Gespräch kamen und er hatte sie eines Tages zum Campen eingeladen. Immerhin dauerte es bis zur Eheschließung noch bis 1958 und 1965 freute sich das Paar über die Geburt einer Tochter.

Willi Böing verdiente am gefährlichsten Arbeitsplatz, den der Bergbau aufweisen konnte, seinen Lebensunterhalt. Seine Arbeitsein-sätze erfolgten an unterschiedlichen Standorten, immer dort, wo ein neuer Schacht für eine Zeche abgeteuft werden musste. Wie er freimütig berichtet, waren Unfälle, darunter auch tödliche, quasi an der Tagesordnung. Während dieser Zeit sind acht seiner Arbeitskollegen tödlich verunglückt, wobei ihn das erste Unglück am schlimmsten mitnahm. Direkt an seinem ersten Einsatzort auf der Zeche Emil-Emscher hatte ein Ziegelstein, der in den Schacht gefallen war, einen seiner Kumpel, der direkt neben ihm stand, getroffen. Durch die enorme Beschleunigung, die der Stein bei dem Fall in die Tiefe erreichte, blieb bei der Wucht des Aufpralls von geschätzten drei Tonnen nicht mehr viel von seinem Kumpel übrig, denn in einer solchen Situation hilft auch der Helm nicht mehr.

Auf unsere Nachfrage, wie er als junger Mensch so ein Erlebnis verarbeiten konnte, hat er eingeräumt, dass ihn das schon sehr belastete und ihm die schlimmen Bilder in seinen Träumen immer wieder begegnet sind. So kann er auch die Erinnerung an einen noch ganz jungen Kollegen von gerade vierundzwanzig Jahren, der Vater eines erst wenige Wochen alten Kindes geworden war, nicht aus seinem Gedächtnis löschen: Es war nach Schichtende und er muss es wohl an diesem Tag besonders eilig gehabt haben. Denn wenn der Kübel mit den Arbeitskräften über Tage ankam, wurde er ein wenig höher als nötig gezogen. Eine Klappe wurde dann heruntergelassen und der Kübel konnte dort aufsetzen, um den Arbeitern ein gefahrloses Aussteigen zu ermöglichen. Doch der junge Mann sprang schon aus dem Kübel, bevor sich die Klappe schließen konnte und ist über 800 Meter in den sicheren Tod gestürzt.

Nach dieser Schilderung sagt für einen Moment niemand mehr etwas und auch wir müssen erst einmal schlucken und den schrecklichen Gedanken verarbeiten. Wir versuchen uns erst gar nicht vorzustellen, wie die Ehefrau des Verunglückten auf die Nachricht vom Tod reagiert haben muss. Und wie nahmen es die anderen Frauen auf? Wie, fragen wir Willi Böing, ist deine Frau damit fertig geworden? Zögerlich gibt er uns zur Antwort, dass er gar nicht alles zu Hause erzählte. Seine Frau hätte sich ohnehin schon zu viele Sorgen um ihn gemacht. Es kam immer wieder vor, dass er viele Stunden im Arbeitseinsatz war, wenn es zuvor zu unvorhergesehenen Schwierigkeiten oder Katastrophen kam. Dann wartete sie stundenlang auf ihn, stand am Fenster und weinte.

Nach einer weiteren Pause wollen wir wissen, ob ihm keine psychologische Unterstützung angeboten wurde. Da lacht er uns fast aus, denn so etwas gab es damals nicht. Es mussten lediglich die Arbeiten vorübergehend eingestellt werden und nachdem die Polizei und das Oberbergamt nach etwa fünfundzwanzig Stunden den Unfallort wieder freigegeben hatten, musste weiter gearbeitet werden. So hart das auch klingen mag, aber bei späteren Unfällen seiner Kollegen hatte sich Willi Böing an schlimme Verletzungen und auch tödliche Ausgänge gewöhnt. Menschliches Versagen oder Unachtsamkeit waren bei den Todesfällen, an die er sich erinnern kann, häufig die Ursache. Beispielsweise wurde ein Kumpel beim Transport von Materialien einfach in den Schacht gezogen und fiel in die Tiefe, als sich versehentlich eine Schlinge um sein Bein wickelte.

Da der Arbeitsplatz nur auf wenige Quadratmeter begrenzt war und bei drohender Gefahr in dem völlig ungeschützten Schacht nirgendwohin ausgewichen werden konnte, liegt auf der Hand, dass es zwangsweise zu zahlreichen Unfällen kommen musste. Willi Böing hat aber immer Glück gehabt, wie er berichtet. So folgern wir in unserer Naivität, dass er kaum einen Kratzer abbekommen hat und sehen in ein ungläubiges Gesicht. Natürlich wurde auch er von Brüchen am Ellbogen, Schienbein, Handgelenk oder auch der Schulter nicht verschont. Da ist kaum ein Körperteil heile geblieben! Aber, fragen wir vorsichtig noch einmal nach, gerade hieß es doch, dass du immer Glück hattest. Ja sicher, muss er jetzt lachen, ich lebe doch noch, oder?!

Foto: Bergleute im Abteufschacht
Willi Böing (3. von links hinten) mit seinen Kollegen im Abteufschacht

Von der Seite haben wir das noch gar nicht gesehen. Dieser Arbeitsplatz war tatsächlich so gefährlich, dass ein paar Knochenbrüche hier und da gar nicht mitzählten! Auch sämtliche Gelenke wurden bei den Beschäftigten in der Teufe stark in Mitleidenschaft gezogen, weil sie ja immer auf unebenem Boden arbeiten mussten. Neue Kniegelenke hat Willi Böing daher auch schon. Wir wollten Näheres über die Arbeitsbedingungen erfahren und er erzählt uns, dass während seiner ersten Jahre, als das Haufwerk noch per Hand geschaufelt werden musste, mit zwölf oder dreizehn Mann auf der Sohle gearbeitet wurde. Für jede Schicht war der Drittelführer zuständig, der ebenso wie der Schießmann eine spezielle Ausbildung für durchzuführende Sprengarbeiten vorweisen konnte. Gearbeitet wurde in vier Schichten von jeweils sechs Stunden. Für den neu anzulegenden Schacht wurden die ersten noch weichen, nachgiebigen Schichten bis zu einer Tiefe von vierzig, fünfzig Metern abgeteuft, was noch relativ mühelos war. Dann stieß man auf erste Wasser führende Schichten: Zunächst auf Süßwasser, dann bei fünfzig, sechzig Metern auf Salzwasser. Erst danach folgten die harten Mergelschichten, die gesprengt werden mussten. Das dadurch lose gewordene Haufwerk wurde per Handarbeit in Kübel geschaufelt und nach über Tage befördert.

Und was ist mit dem Wasser geschehen, haken wir hier noch einmal nach. An diesen Stellen, werden wir aufgeklärt, mussten der Durchmesser der Abteufe vergrößert und die Wände mit Zement ausgegossen werden. Trotzdem war es aber ab dieser Tiefe nie mehr trocken auf der Sohle und ständig setzte sich neues Wasser ab. Mit speziellen Pumpen, so genannten Wasserjägern, musste das Wasser permanent nach über Tage befördert werden. Da aber aus nahe liegenden Gründen noch kein Strom in der Abteufgrube vorhanden war, mussten sämtliche Maschinen wie auch die Lampen mit Pressluft betrieben werden. Der dadurch erzeugte, durchdringende hohe Pfeifton machte während der gesamten Arbeitsschicht eine akustische Verständigung fast unmöglich, wobei auch berücksichtigt werden muss, dass der Schall innerhalb des geringen Teufdurchmessers „gefangen“ war. Und die Fragen nach dauerhaften Hörschäden und entsprechendem Hörschutz kamen erst viele Jahre später auf.

Eine Erleichterung der schweren körperlichen Arbeit gab es mit der Einführung der Schaltbirne. Das Haufwerk konnte nunmehr mit Greifern aufgenommen werden, die allerdings Platz benötigten. Mit dem Einsatz der neuen Technik konnten nur noch sechs oder sieben Arbeiter gleichzeitig die Abteufarbeiten verrichten. Im Gegensatz zu den Bergmännern der damaligen Zeit wurde den in der Teufe Beschäftigten die Arbeitskleidung vom Arbeitgeber gestellt. Die durch Salpeterwasser stark angegriffenen Stücke wurden alle zwei Wochen ausgewechselt. Obwohl die Arbeiter komplett Gummikleidung trugen, litten sie an aufgeweichter Haut, die oftmals noch mit Speis und Zement in Kontakt kam. Es gab zur damaligen Zeit noch nicht einmal vernünftige Gummihandschuhe, weshalb, und das ist kein Witz!, die Finger mit Isolierband abgeklebt wurden!

Willi Böing berichtet weiter, dass nach ungefähr zwei bis zweieinhalb Jahren ein Schacht abgeteuft war und bevor es an einen nächsten Arbeitseinsatz ging, mussten noch weitere Vorbereitungen getroffen werden. Die mit dem künftigen Streckenausbau betrauten Bergleute mussten mit Förderkörben an ihren Einsatzort gebracht werden. Dazu mussten er und seine Kollegen zunächst Einstriche aus Holz fest mit dem Schachtausbau verbinden. Mit speziellen Schrauben wurden daran die ebenfalls aus Holz bestehenden Spurlatten befestigt, die als Führung für die Förderkörbe dienten. Als dieser Ausbau mit Holz zu teuer wurde, fertigte man stattdessen die Einstriche und Spurlatten aus Stahl. Den letzten Schacht, den Willi Böing um das Jahr 1976 abgeteuft hat, war der Schacht 10 der Zeche Prosper-Haniel. Danach arbeitete er nur noch über Tage und ging 1988 in den wohl verdienten Ruhestand, in dem er bereits seine Goldene Hochzeit feiern konnte.

Damals auf Graf Moltke von Beatrix und Michael Petrikowski

Cover von Damals auf Graf Moltke von Beatrix und Michael Petrikowski
Books on Demand 2013
Broschur
76 Seiten
ISBN 978-3-7322-8884-7

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