Buer – Dienstag, 7. März 1972, 9.30 Uhr

Gerade klingelt es zur großen Pause. Das wird aber auch langsam Zeit! Frau Middeldorf unterrichtet die Hauptschüler einer neunten Klasse in Buer im Fach Erdkunde und ihr Unterricht wirkt auf die Schüler wie eine Schlaftablette.
„Halt! Noch einen Moment! Als Hausaufgabe gebe ich euch …“, Frau Middeldorf verstummt, denn die Hälfte der Schüler hat schon längst den Klassenraum verlassen, und die übrig gebliebenen strafen ihre Lehrerin mit Missachtung.

An diesem Tag will sich die Sonne nicht zeigen und es ist für die Jahreszeit viel zu kalt. Die Schüler ziehen ihre warmen Jacken über und auf dem Schulhof bilden sich in der Pause einzelne, unterschiedlich starke Gruppen. Grob eingeteilt gibt es auf der einen Seite die strebsamen Schüler, die sich unbedingt von den ewig provozierenden, unangepassten und respektlosen Schülern distanzieren wollen. Schon alleine durch deren Äußeres, wie die Auswahl ihrer Kleidung oder Frisur, wollen sie mit allen Mitteln auffallen. Sie ahmen ihre Idole der 68er Bewegung nach, die einfach anders als ihre Eltern sein wollten und bei ihren Mitmenschen für Empörung gesorgt haben.

Dagmar und Viola gehören ebenfalls dieser Gruppierung an und lieben es, wenn sie überall sofort aus dem Rahmen fallen. Sie binden sich lange Tücher um den Kopf und besorgen sich extra aus einem Tabakgeschäft auf der Hochstraße in Buer Zigaretten mit schwarzem Papier. Die hat nicht jeder! Um die Handgelenke tragen sie Lederarmbänder, auf die sie mit farbigem Filzstift die unterschiedlichsten Bandnamen geschrieben haben. Wenn sie auch von einigen ihrer Mitschüler für mutig gehalten und wegen ihres couragierten Auftretens beneidet werden, so werden sie doch von den meisten als äußerst seltsam empfunden.

Beide zieht es auch in der heutigen Pause in den hinteren Bereich des Schulhofes, der von den Aufsicht führenden Lehrpersonen nur selten aufgesucht wird. Außerdem stehen dort immergrüne Sträucher, hinter denen man sich gut verstecken kann. Genau das beabsichtigen die beiden Mädchen, um sich ungestört eine Pfeife stopfen zu können. Fast alle Lehrer der Schule wissen sowieso schon seit längerem, dass in der Ecke gekifft wird. Aber da sie keine Ahnung haben, wie sie mit dem Problem umgehen sollen und kaum etwas ausrichten können, meiden sie bei ihren Rundgängen bewusst diesen abgelegenen Schulhofbereich. Auf diese Weise machen sie es sich bequem und gehen unnötigem Ärger aus dem Weg. Schließlich gibt es nur dort ein Drogenproblem, wo es öffentlich gemacht wird und wer nicht hinsieht, wird auch nichts finden. Zumindest scheinen sich alle Pädagogen daran zu halten, denn warum sollte die Schule mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam machen?

„Hast du noch was von dem Stoff, oder war das jetzt der Rest?“, fragt Dagmar, nachdem sie genüsslich an der Pfeife gezogen hat.
„Na klar hab ich noch was“, kommt die prompte Antwort von Viola. „Harald hat von seinem Vater mal wieder genug abzweigen können und hat mir großzügig was abgegeben. Echt korrekt von ihm.“
„Es ist schon krass, dass er den Shit auch noch so offen zu Hause herumliegen lässt, so dass Harald da ran kommt.“
„Hauptsache wir haben etwas. Alles andere interessiert mich nicht.“
„Ja, was geht es uns an?“, stimmt ihr Dagmar zu und nimmt noch einmal einen tiefen Zug.

Die Schulklingel kündigt das Ende der Pause an und ruft zur nächsten Unterrichtsstunde. Die Schüler begeben sich wieder in ihre Klassenräume. Nur Viola und Dagmar lassen sich Zeit. Jetzt, wo alle im Gebäude sind, können sie die Minuten der Ruhe erst einmal so richtig genießen. Wozu die Eile? Was kann ihnen schon passieren?

Als sie sich endlich auch im Klassenraum einfinden, ist ihr Mathematiklehrer Herr Langer schon mit dem Austeilen der letzten Klassenarbeit beschäftigt und trägt die beiden zu spät Kommenden ins Klassenbuch ein. Das ist für Dagmar und Viola zwar kein Grund zur Freude, aber die Welt wird davon auch nicht untergehen. Amüsiert reicht Herr Langer das Arbeitsheft Andreas und bittet die Schüler um kurze Aufmerksamkeit:

„Ich muss gestehen, dass es für mich bei den Korrekturen einer Klassenarbeit keinen Grund zum Schmunzeln gibt. Aber Andreas, der, ganz nebenbei bemerkt, die beste Mathearbeit abgeliefert hat, ist dieses seltene Kunststück tatsächlich gelungen. Ihr erinnert euch doch alle an die eine Aufgabe, bei der ihr die Frage beantworten solltet, für welche beiden Angebote eines Fernsehgerätes sich Herr Thomson entscheidet. Wer richtig gerechnet hat, musste zu dem Ergebnis gekommen sein, dass sich der Käufer für das günstigere Angebot B entscheidet. Doch welche Antwort lese ich von eurem Mitschüler? Seine Rechnungen sind völlig richtig, und auch Andreas ist zu dem Ergebnis gekommen, dass B das bessere Angebot ist. Doch seine Antwort lautet, einen Moment, gleich habe ich es: Ich kenne Herrn Thomson persönlich und weiß, dass er sich für das Angebot A entscheidet, aus dem einfachen Grund, weil er immer in diesem Geschäft kauft.“

Sofort wird es in der Klasse unruhig, und alle blicken in die Richtung zu Andreas. Auch Dagmar sieht sich kurz im Klassenraum um und trifft auf die Blicke ihres Mitschülers. Verschämt sieht sie schnell zur Seite. Ob er das jetzt bemerkt hat? Verdammt, natürlich hat der das gemerkt! Wenn du seinem Blick begegnet bist, muss er ja wohl auch… Verdammt! Wie blöd!
„Dagmar!“, hört sie Herrn Langer laut ihren Namen rufen.
„Ja, was ist?“, entgegnet sie verstört.

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Natürlich hatte sie wieder einmal nichts vom Unterrichtsgeschehen mitbekommen, denn sie schwebt noch auf einer Welle der Glückseligkeit. Der leichte Rausch, der so viele Dinge im Alltag erst aushalten lässt, ist noch nicht verflogen, und dann hängt sie noch der Erinnerung an die Blicke dieses Jungen nach. Es dauerte nur Sekundenbruchteile, aber der Gedanke daran lässt sie nicht los. Waren es wirklich nur seine Augen, die sie immer wieder so fesseln und magisch anziehen? Irgendetwas ist an ihm einfach anders! Es muss an seiner Art, sich auszudrücken liegen, und wofür er sich interessiert. Für politische Themen faszinieren sich eher die Älteren. Aber er spricht schon als Vierzehnjähriger wie selbstverständlich über Marx und Engels und scheint ihre Thesen auswendig gelernt zu haben. Dagmar erinnert sich daran, dass er überhaupt schon viel Anspruchsvolles gelesen hat. Erst kürzlich haben sie sich mit Kollegen vor einem Jugendheim darüber unterhalten. Da hat er ihr einen zensierten Kalender mit kommunistischen Texten geschenkt, nachdem sie sich interessiert gezeigt hat. Natürlich musste sie den zu Hause vor ihren Eltern schnell verstecken, denn mit ihnen hat sie sowieso schon genug Ärger.

Meine Frau kommt mit ihrem Mann von Beatrix Petrikowski

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