Die Entführung

Heute bleiben Daniel und Sabrina das erste Mal einen Abend alleine zu Hause. Ihre Eltern gehen ins Theater und haben sich Karten für eine Oper besorgt, auf die sie sich schon lange freuen. Wenn die Eltern in der Vergangenheit zu einer Feier bei Freunden eingeladen waren, kam immer ihre Oma Hanni zu Besuch und passte auf die beiden Kinder auf. Doch vor wenigen Wochen ist Oma ganz plötzlich verstorben. Die Eltern wollten sich schon an der Theaterkasse erkundigen, ob sie ihre Eintrittskarten zurückgeben können. Aber der zwölfjährige Daniel konnte sie davon überzeugen, dass er und Sabrina schon alt genug und vernünftig sind, um einen Abend alleine bleiben zu können. Seine Schwester wird immerhin auch schon bald ihren zehnten Geburtstag feiern. Nachdem die Familie noch zusammen zu Abend gegessen hat, schauen die Kinder zu, wie der Vater einen Mantel aus dem Schrank holt und ihn der Mutter reicht.
„So“, sagt Mutter, während sie sich zu Sabrina herunterbeugt und ihr ein Küsschen auf die Wange gibt, „wir wären dann so weit. Mach du bloß keinen Quatsch und hör auf das, was dein Bruder sagt. Vor allem aber, zankt euch nicht!“
Und zu Daniel gewandt meint sie: „Ich verlasse mich auf dich. In der Küche steht für euch eine Flasche Saft und wenn ihr möchtet, dürft ihr euch aus dem Schrank noch eine Tüte Chips oder auch Nüsse holen. Vergesst nicht, euch vor dem Schlafengehen…“
„die Zääähhne zu putzen“, fallen die Kinder der Mutter lachend ins Wort.
„Genau! Und sollte etwas sein,“, fährt Mutter fort, „ihr wisst ja, dann könnt ihr uns eine Nachricht auf mein Smartphone schicken. Anrufen geht nicht…“
„Ja, ja, ich weiß“, unterbricht sie Daniel schmunzelnd, „während der Vorstellung im Theater müsst ihr eure Handys lautlos stellen. Deshalb siehst du auch immer einmal zwischendurch auf das Display und rufst in dem Fall zurück, wenn wir euch erreichen wollten.
Macht euch nicht immer so viele Sorgen um uns, wir sind doch schon groß.“
Zum Abschied ermahnt der Vater seine Kinder, spätestens um zehn Uhr auf ihren Zimmern zu sein. Jeder darf dann höchstens noch ein paar Seiten in einem Buch lesen, bevor sie sich schlafen legen sollen.

Nachdem sich die Eltern von Daniel und Sabrina verabschiedet haben, laufen die Kinder schnell zum Fenster und sehen zu, wie die Eltern in ihr Auto steigen. Sie drücken ihre Nasen an die Fensterscheibe und winken ihnen nach, bis sie hinter der nächsten Ecke verschwunden sind. Dann machen sie es sich auf dem breiten und gemütlichen Sofa im Wohnzimmer bequem. Als erstes spielen sie „Stadt, Land, Fluss“, aber dabei hat Sabrina gegen ihren Bruder, der schon viel mehr Städte und Länder als sie kennt, keine Chance. Deshalb schlägt sie als nächstes Spiel Kniffel vor, ein Würfelspiel, bei dem man zwar durch Geschick den Verlauf beeinflussen kann, zum Sieg aber auch Glück haben muss. Während des Spiels laufen sie zwischen den einzelnen Runden immer wieder in die Küche, um sich ein Glas Saft zu holen. Denn von den würzigen Chips, die sie sich holen durften, haben sie mächtigen Durst bekommen.
„Hast du noch Lust zum Spielen?“, fragt Daniel gelangweilt.
„Nee, das reicht mir jetzt auch“, meint Sabrina. „Sag mal, hast du noch dieses Buch aus der Bücherei? Das über das Wetter, meine ich. Darin würde ich auch gerne mal blättern. Vielleicht kann ich ein paar nützliche Informationen daraus später für die Schule gebrauchen.“
„Hört, hört – meine Schwester! Aber im Ernst. Das kann nicht schaden. Da erfährst du, wie Wolken und Gewitter entstehen und alles ist prima erklärt. Warte kurz, ich hole es dir.“
Daniel springt sofort auf und geht in sein Zimmer. Doch auf halbem Weg hält er plötzlich inne und spitzt seine Ohren. Hat sich das eben nicht wie ein unterdrückter Schrei angehört?
„Du, Sabrina, sei mal leise. Ich habe da gerade merkwürdige Geräusche gehört. Draußen muss irgendetwas los sein“, flüstert er. Sabrina ist sofort alarmiert und bekommt heftiges Herzklopfen.
Daniel schleicht in sein Zimmer und achtet auf jedes verdächtige Geräusch. Ohne das Licht einzuschalten, geht er leise ans Fenster. Von hier hat er einen guten Überblick auf die Straße vor ihrem Wohnhaus. Erschrocken hält er sich die Hand vor den Mund, denn was er sieht, verschlägt ihm den Atem.

„Was ist los“, will seine Schwester wissen, die auf dem Weg zu ihm ist.
„Komm schnell zu mir ans Fenster, aber lass um Himmels Willen das Licht aus. Sonst können wir von draußen gesehen werden!“

Gebannt sehen die Geschwister auf die gegenüberliegende Straßenseite zu dem Wohnhaus, in dem Martina wohnt. Sie besucht dieselbe Klasse wie Sabrina und ist ihre Freundin. Gerade wird Martina von einem kräftigen Mann aus dem Haus gezerrt.

„Ich glaube, ich spinne“, sagt Daniel zu seiner Schwester. „Was geht denn da vor sich? Das sieht ganz nach einer Entführung aus. Aber wie ist denn das möglich? Ihre Eltern müssen doch zu Hause sein und müssten ihr zu Hilfe kommen.“
„Du hast Recht. Ich verstehe das auch nicht, was da vor sich geht“, stimmt ihm Sabrina zu. „Wieso helfen ihr ihre Eltern nicht?“

Die Geschwister beobachten, wie Martina zappelt unf sich mit Händen und Füßen loszureißen versucht. Aber natürlich ist der Mann viel stärker als sie. Er muss ihr auch etwas in den Mund gestopft haben, kombiniert Daniel, denn sonst müssten von ihr ja Schreie zu hören sein. Grob wird das Mädchen weiter bis zum Auto gezerrt. Daniel und Sabrina läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken und vor Schreck halten beide die Luft an. Wie gelähmt beobachten sie, was mit Martina passiert, ohne ihr im Moment helfen zu können. Aber Daniel ist zum Glück so geistesgegenwärtig und prägt sich das Autokennzeichen ein. Draußen ist es zwar schon dunkel, aber das Licht der gegenüberliegenden Straßenlaterne fällt genau auf das Nummernschild.

Augenblicklich dreht er sich vom Fenster weg und macht einen Schritt in Richtung seines Schreibtisches. Er fühlt die Oberfläche aus Holz und tastet blind nach einem Zettel. Mit einem Stift, den er langsam aus der obersten Schublade zieht, geht er vorsichtig in die Küche. Da kann er endlich das Licht einschalten, weil die Küche zur anderen Seite, in Richtung zum Garten liegt. Schnell notiert er das Autokennzeichen, bevor er es vergisst.
„Aua!“, schreit er kurz auf, als er sich auf dem Rückweg in seiner Aufregung zu allem Unglück sein Knie stößt.
„Was ist los?“, fragt Sabrina ängstlich. Sie befürchtet sofort, dass auch in ihre Wohnung jemand eingedrungen ist, der ihren Bruder gefangen genommen hat.
„Ist schon gut“, beruhigt Daniel seine Schwester, „ich bin nur vor die verdammte Kommode gelaufen, weil ich kein Licht machen darf.“

Während Sabrina weiterhin vom Fenster aus beobachtet, wie das Auto mit ihrer entführten Klassenkameradin davon rast, kommt Daniel mit dem Zettel zurück, auf dem er sich das Autokennzeichen notiert hat. „Wir müssen sofort zur Polizei und die Entführung melden. Je eher die mit der Suche beginnen, umso besser sind die Chancen, Martina zu finden.“
„Meinst du wirklich?“, fragt Sabrina unsicher. „Können wir nicht bei der Polizei anrufen und sagen, was wir gesehen haben?“
„Weiß ich nicht, besser wird es sein, wenn wir sofort zur Polizei gehen. Am Telefon glauben sie uns bestimmt nicht und denken, dass wir uns mit ihnen einen Scherz erlauben. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Der Fall muss richtig von einem Beamten aufgenommen werden, in einem Protokoll oder so.“
Bei der Erwähnung eines Protokolls macht Sabrina ganz große Augen. Aber von der Notwendigkeit, spät am Abend die sichere Wohnung zu verlassen, ist sie immer noch nicht überzeugt. Zumal sie sich fürchtet und vor Angst schon zittert.
„Wir dürfen doch nicht mehr nach draußen gehen, wenn es dunkel ist. Das haben uns die Eltern doch verboten“, jammert Sabrina und hofft, damit auf Verständnis bei Daniel zu stoßen.
Doch den Einwand lässt der nicht gelten: „Quatsch! Die konnten doch gar nicht vorhersehen, dass wir einmal in so eine Situation geraten. Das ist jetzt ein Ausnahmefall, da gelten andere Regeln. Jetzt geht es um Leben und Tod. Wer weiß, was die Entführer mit Martina anstellen. Die geben ihr bestimmt nichts zu essen und zu trinken. Aus den Nachrichten habe ich schon einmal gehört, dass Mädchen sogar verkauft werden und…“
„Hör auf!“, schreit Sabrina, „ich will das gar nicht hören.“
Sie zittert schon bei dem Gedanken, um diese Zeit das Haus zu verlassen und versucht es noch einmal: „Müssen wir nicht wenigstens bei Mama und Papa anrufen und Bescheid sagen? Oder sie fragen, was wir machen sollen?“
„Nein, anrufen geht nicht. Du weißt doch, dass sie während der Vorstellung im Theater ihre Handys lautlos stellen, so, dass kein Ton mehr zu hören ist. Das würde doch die anderen Besucher stören. Und wenn ich Mama eine Nachricht schicke, dass wir zur Polizei gehen, machen sich unsere Eltern viel zu viele Sorgen. Die verlassen glatt mitten in der Vorstellung das Theater und kommen nach Hause. Dabei haben sie sich so auf diesen Abend gefreut. Nein, los komm, wir ziehen uns an und gehen“, entscheidet Daniel.

Vorsichtshalber hinterlässt Sabrina noch eine kurze Notiz auf dem Küchentisch für ihre Eltern. Nur für den Fall, dass sie früher als erwartet nach Hause kommen. So unwahrscheinlich das auch ist. Dann müssen sie sich wenigstens keine unnötigen Sorgen um ihre Kinder machen, wenn die nachts nicht in ihren Betten liegen.
Daniel hat bereits seine Schuhe angezogen und holt seine warme Winterjacke aus dem Schrank, als auch seine Schwester ganz schnell in ihre Stiefel schlüpft und ihren Anorak überzieht.
„Warte noch kurz“, hört er sie sagen und gleichzeitig in ihrem Zimmer verschwinden sieht. Zurück kommt sie mit ihrem Teddy, den sie in einer Hand hält.
„Guck mich nicht so an, aber ohne meinen Teddy habe ich noch mehr Angst.“
Daniel muss sich ein Grinsen verkneifen und meint nur ungeduldig: „Schon gut, aber jetzt komm endlich.“
Gewissenhaft schalten sie das Licht aus, schnappen sich den Wohnungsschlüssel, treten in die nächtliche Kälte und schließen rasch die Tür ab. Obwohl Daniel auch ein mulmiges Gefühl hat, will er das natürlich nicht vor seiner jüngeren Schwester zeigen. Vor ihr möchte er der obercoole Bruder sein und überspielt seine Angst.
Auf der Straße sieht sich Sabrina immer wieder zu allen Seiten ängstlich um. Ihr ist unheimlich zumute. Zögerlich ergreift sie die Hand ihres älteren Bruders, bei dem sie sich geborgen fühlt. Um diese Zeit sind kaum noch Menschen in den Seitenstraßen unterwegs. Die meisten Rollos an den Fenstern sind bereits heruntergelassen, so dass nur ganz vereinzelte Lichter von den Wohnungen auf die Bürgersteige fallen. Plötzlich hören sie aus der Ferne lautes Lachen und Grölen, das näher zu kommen scheint. Sabrina hält die Hand ihres Bruders ganz fest umklammert und blickt ängstlich zu ihm auf. Als sie um die nächste Ecke biegen, sehen sie eine Gruppe junger Leute.
„Komm, wir wechseln lieber die Straßenseite“, entscheidet Daniel mit einem flauen Gefühl im Magen. „Ich fürchte, die haben bestimmt einiges getrunken. Nicht, dass die uns noch Ärger machen.“
Sabrina weiß schon gar nicht mehr, ob sie vor Kälte oder vor Angst mit den Zähnen klappert. Doch bevor die Gruppe die beiden verängstigten Kinder entdeckt, haben die schon die andere Straßenseite erreicht. In leicht gebückter Haltung schleichen sie im Schutz der geparkten Autos weiter. Die Gruppe junger Leute scheint Daniel und Sabrina zum Glück gar nicht bemerkt zu haben. Erleichtert atmen die Kinder auf.

Endlich erreichen sie die breite Hauptstraße, auf der auch zu dieser Abendstunde noch Autos unterwegs sind. Das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Schon von weitem sehen sie das gewaltige Polizeipräsidium. Wenn sie mit ihren Eltern in dieser Gegend waren, sind sie immer nur daran vorbeigelaufen und haben ehrfurchtsvoll zu dem mächtigen Gebäude hinaufgeblickt. Aber heute müssen sie mutig sein und hineingehen. Der Haupteingang mit der breiten Treppe ist nicht zu übersehen, und die Kinder betreten die erste Stufe. Auf der letzten oben angekommen, finden sie die gläserne Eingangstür versperrt vor. Daniel drückt mutig auf den Klingelknopf. Sofort ertönt eine tiefe Stimme aus der Gegensprechanlage: „Ja bitte?“
„Äh, ich“, stammelt Daniel.
Noch bevor Sabrina eine Erklärung abgeben kann, fragt dieselbe Stimme in strengem Ton zurück: „Nun erlauben Sie sich mal keinen Scherz mit uns. Ich möchte wissen, mit wem ich es zu tun habe. Nennen Sie bitte deutlich ihren Namen und Ihr Anliegen.“
„Ja, Entschuldigung, ich heiße Daniel Schloemer. Meine Schwester Sabrina ist bei mir, und wir wollen…“

Weiter kommt er gar nicht, denn der Wachtmeister hat natürlich längst an der Stimme erkannt, dass es sich um Kinder handeln muss. Sofort hat er den Türöffner betätigt, der leise summt. Zögerlich treten die beiden verängstigten Kinder ein, und schüchtern blicken sie zu dem Polizisten, der ihnen bereits entgegen kommt.
In freundlichem Ton spricht er sie an: „Darf ich fragen, was euch zu mir führt? So spät am Abend dürftet ihr eigentlich gar nicht mehr ohne eure Eltern alleine draußen herumlaufen. Also raus mit der Sprache: Was ist passiert?“
Jetzt ist es Sabrina, die als erstes den Mund aufmacht. Doch weil sie so aufgeregt ist, gerät ihre Erzählung völlig durcheinander. Daniel beginnt noch einmal von ganz vorne und reicht dem Polizisten, der aufmerksam zuhört, den Zettel mit dem notierten Autokennzeichen. Da die Kinder ihm eine glaubhafte Geschichte geschildert haben, sieht er sich veranlasst, der Sache auf den Grund zu gehen. Er bittet die beiden, einen Moment Platz zu nehmen und setzt sich selbst hinter seinen Schreibtisch. Dort greift er zum Telefonhörer und gibt eine Fahndung nach dem Fahrzeug heraus, mit dem Martina entführt wurde.

Erst in dem Moment fällt dem Beamten auf, dass er noch gar nicht nach dem Wagentyp oder der Autofarbe gefragt hat: „Sagt mal, wisst ihr eventuell, was das für ein Auto war, vielleicht ein Kombi, oder welche Farbe es hatte?“ Speziell an Daniel gewandt will er von ihm wissen, ob er unter Umständen sogar etwas über die Automarke sagen kann.
Daniel überlegt eine Weile angestrengt und antwortet: „Ja, auf jeden Fall war es ein Kombi, und ich bin sicher, dass er silbern war. Aber weil ich mir unbedingt die Nummer merken wollte, habe ich nicht weiter….“
„Schon gut mein Junge, das hast du prima gemacht!“
„Moment“, wirft Daniel ein, „ich glaube, ich weiß noch etwas. Der Mann hatte einen Bart. Ja, er hatte einen Bart. Ganz bestimmt.“

Der beeindruckte Polizeibeamte macht große Augen: „Auf was du nicht alles geachtet hast. Wenn du mal groß bist, könnten wir solche Leute wie dich hier gebrauchen!“
Daraufhin veranlasst der Beamte anhand des Kraftfahrzeugkennzeichens eine Halterfeststellung. Innerhalb kürzester Zeit erfährt er auf diese Weise den Namen der Person, auf die das Fahrzeug angemeldet ist. Außerdem kennt er dann auch den Wohnort, was in diesem Fall von großer Bedeutung sein kann. Denn immerhin ist es möglich, dass Martina genau an diesem Ort festgehalten wird. Je eher das Mädchen gefunden und befreit werden kann, desto besser.
Daniel und Sabrina haben während der ganzen Zeit das Geschehen auf der Polizeiwache aufgeregt verfolgt. Mittlerweile sind noch weitere Polizeibeamte dazugekommen, die sich über die Situation informiert haben. Wie es scheint, haben sie eine Aufgabenteilung vorgenommen und sich darauf zu den Einsatzfahrzeugen begeben.
Eine junge Polizeibeamtin, die sich als Ingrid Berger vorgestellt hat, kümmert sich inzwischen um die beiden Kinder. Sie spricht die ganze Zeit mit ihnen und versucht, sie auf diese Weise zu beruhigen. Schließlich will sie wissen: „Wo wohnt ihr denn, und wo sind eure Eltern?“
Wahrheitsgemäß antworten die beiden fast gleichzeitig und nennen Straße und Hausnummer.
Sabrina ergänzt mit Herzklopfen: „Unsere Eltern wollten heute Abend einmal ausgehen, und sie haben sich so auf die Oper gefreut. Zum ersten Mal war ich mit meinem Bruder alleine zu Hause, also an einem Abend meine ich, und dann passiert gleich sooo etwas.“
In diesem Augenblick tritt ein Beamter zu ihnen: „Dann kommt mal mit, meine Kollegin Berger und ich, wir bringen euch jetzt mit einem Dienstfahrzeug nach Hause.“
Daniel protestiert aber sofort: „Und was ist mit Martina? Wie erfahren wir, ob ihr sie gefunden habt oder was mit ihr passiert ist und ob es ihr gut geht?“
„Keine Sorge, darum kümmern wir uns jetzt. Ihr habt uns sehr geholfen und genau das Richtige gemacht. Morgen dürft ihr euch gerne bei uns auf der Wache danach erkundigen, wie weit wir mit unseren Ermittlungen gekommen sind. Aber jetzt geht es erst einmal ab nach Hause und ins Bett!“

Die junge Beamtin und ihr älterer Kollege führen die Kinder auf den Innenhof. Als Daniel und Sabrina merken, dass sie direkt zu einem echten Polizeiwagen mit einem Blaulicht geführt werden, möchten sie vor Freude am liebsten einen Luftsprung machen. Ganz neugierig und voller Stolz steigen sie ein und nehmen auf der Rückbank Platz. Jeder von ihnen denkt in dem Moment: Wenn ich das in der nächsten Woche den anderen Kindern in der Schule erzähle, werden die sooo große Augen machen.
Bevor der Beamte den Motor startet, vergewissert er sich, ob sich beide Kinder auch ordnungsgemäß angeschnallt haben. Leider geht die Fahrt für sie viel zu schnell zu Ende, und sie sind fast ein wenig enttäuscht, als sie vor ihrer Haustür anhalten.
Die Polizeibeamtin öffnet ihnen die Autotür und meint mit einem Lächeln: „So, jetzt aber ganz schnell ab mit euch ins Haus. Ich wiederhole mich ungern, aber wenn es euch lieber ist, bleiben wir natürlich so lange bei euch, bis eure Eltern wieder zurück sind.“
Ganz mutig und voller Selbstvertrauen winkt Sabrina ab und meint nur: „Nööö, nicht nötig.“ Daniel bekräftigt auch noch einmal, dass sie schon groß genug sind und gut alleine zurechtkommen.
„Davon bin ich überzeugt“, erwidert die nette Beamtin mit einem verschmitzten Lächeln, „vergesst aber bei der ganzen Aufregung nicht, die Haustür sofort wieder gut zu verschließen.“
Mit einem Kopfnicken und einem leise gemurmelten „Danke schön“ laufen die Geschwister durch den Vorgarten zum Haus. Daniel zerrt den Schlüssel aus seiner Hosentasche, schließt auf und beide verschwinden im Haus, ohne sich noch einmal nach den Beamten umzudrehen, die sie selbstverständlich beobachten. Erst einmal atmen Daniel und Sabrina tief durch und sind froh, das Abenteuer überstanden zu haben. Mit einem Blick auf die Uhr stellen sie fest, dass es bereits nach 23 Uhr ist. Plötzlich fühlen sie sich erschöpft und die Müdigkeit überkommt sie. Auch wenn es keiner zugeben will, empfinden sie die Stille als bedrückend und beide wären froh, wenn ihre Eltern bald nach Hause kämen.
Ohne ein Wort zu sagen, gehen sie in ihre Zimmer, ziehen sich aus und legen die Kleidungsstücke ordentlich auf einem Stuhl ab.
Noch während Sabrina ihre Zähne putzt, fragt sie ihren Bruder kleinlaut: „Kann ich heute Nacht in deinem Bett schlafen? Ich habe Angst, so alleine in meinem Zimmer.“
Am liebsten hätte Daniel sofort Jaaa geschrien, aber diese Blöße will er sich vor seiner kleineren Schwester natürlich nicht geben. Deshalb meint er ganz cool: „Na klar, wenn es dir dann besser geht, kannst du ruhig bei mir schlafen.“
Insgeheim ist er froh, nicht alleine bleiben zu müssen. Dankbar huscht Sabrina unter seine Bettdecke und bittet ihn, das kleine Nachtlämpchen neben dem Bett brennen zu lassen. Sie fürchtet nämlich, dass nach dem Schrecken und der ganzen Aufregung ihre Fantasie mit ihr durchgeht. In der Dunkelheit sieht sie dann bestimmt schreckliche und widerliche Monster um sich herum.

Als die Eltern zu später Stunde gut gelaunt aus der Oper nach Hause kommen, stellen sie mit Erstaunen fest, dass unter Daniels Zimmertür ein blasser Lichtstrahl in den Flur fällt, was sehr ungewöhnlich ist. Ganz leise öffnen sie deshalb die Tür und trauen ihren Augen nicht: Die Geschwister liegen eng aneinander gekuschelt in einem Bett. Vom Getuschel der Eltern erwacht, schrecken die Kinder plötzlich hoch und reiben sich verschlafen die Augen.
Die Mutter lacht: „Dass ich das noch erleben darf! Wenn ihr beiden euch auch immer wieder mal streitet und wie Kampfhähne aufeinander losgeht, rückt ihr tatsächlich zusammen, wenn wir nicht zu Hause sind. Ihr hattet doch wohl keine Angst, so alleine?“, neckt sie ihre Kinder.
Daniel und Sabrina stammeln im Halbschlaf irgendetwas von Martina, Entführung und Polizei. Die Eltern sehen sich aber nur amüsiert und verständnislos an. Bestimmt handelt es sich bei dem wirren Gefasel nur um einen Traum. Ihren Kindern streicheln sie liebevoll übers Haar und flüstern ihnen ein paar beruhigende Worte zu. Dann löschen sie das Licht und schließen leise die Tür. Erst der Zettel in der Küche mit der Notiz, den Sabrina in der Eile für die Eltern hinterlassen hat, macht die Mutter stutzig. Was hat das nur zu bedeuten?

Am nächsten Morgen erzählen die Geschwister den erstaunten und ungläubig schauenden Eltern, was sich am Abend zugetragen hat. Wie sie durch Zufall Zeuge der Entführung von Martina wurden, der sie in dem Augenblick aber nicht helfen konnten. Voller Stolz berichtet Daniel, dass er sich das Autokennzeichen des Entführers notiert hat, und dass sie beide kurz entschlossen in der Nacht zur Polizei gegangen sind, um die Entführung zu melden.
Nachdem sie alles erzählt haben, ist sowohl der Vater, als auch die Mutter von den Geschehnissen entsetzt. Sie beschließen, nur noch rasch gemeinsam ein Frühstück einzunehmen, um sich dann bei den Nachbarn zu erkundigen, ob ihre Tochter in der Zwischenzeit wieder aufgetaucht ist. Doch als sie bei ihnen anklingeln, meldet sich niemand. Offensichtlich ist niemand zu Hause. Deshalb gehen sie unverzüglich zur Polizei, wo sie sich nach der weiteren Entwicklung des Falls erkundigen wollen.

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Auf der Wache erfahren sie, dass zwei Täter in das Haus eingedrungen sind. Die Eltern wurden überwältigt und gefesselt. Dann haben die beiden Männer Martina aus dem Kinderzimmer gezerrt. Ihr Plan war, das Kind zu entführen. Vom Vater, der bei einer Bank beschäftigt ist, wollten sie Lösegeld erpressen. Damit wollten sie sich ins Ausland absetzen und sich irgendwo auf der Welt ein schönes Leben machen.
Nachdem die Entführer das Mädchen in ihre Wohnung geschleppt und gefesselt haben, drohten sie ihr sogar mit Schlägen, falls sie nicht ruhig ist. Doch, so wurde den Kindern mitgeteilt, sitzen die Entführer mittlerweile hinter Gittern. Martina ist noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen, und ihre Eltern konnten ihr Kind überglücklich in die Arme schließen.
„Und das“, betont der Polizeibeamte in Richtung des Ehepaares Schloemer, „verdanken sie nur ihren beiden tapferen und aufmerksamen kleinen Detektiven!“

Natürlich möchten sich die Eltern von Martina bei den mutigen Nachbarskindern Daniel und Sabrina für die Rettung ihrer Tochter bedanken. Sie haben lange überlegt und sich schließlich dazu entschieden, beiden einen persönlichen Wunsch zu erfüllen. Denn sie konnten schnell herausfinden, dass Daniel für sein Fahrrad gerne eine modische Hupe hätte und Sabrina Gefallen an einem lustigen Sattelbezug mit Maikäfern hat. Als zusätzliches Dankeschön veranstalten sie im Sommer ein großes Gartenfest mit einer Hüpfburg. Für alle wird es außerdem so viel Pizza geben, wie sie wollen und dazu eine Spezial-Kinder-Erdbeerbowle.

Spannende Abenteuer mit Daniel und Sabrina von Beatrix Petrikowski

Cover von Spannende Abenteuer mit Daniel und Sabrina
Books on Demand 2017
Broschur
144 Seiten
ISBN 978-3-7448-9710-5

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