Die Aktentasche 1. Teil

Ausgerechnet am Sonntag, seinem freien Tag, regnet es seit den Morgenstunden unaufhörlich. Schon gestern war wieder so ein Tag, den Heiner verflucht hat. Ausnahmsweise hatte er an einem Samstag frei, aber wie das Leben spielt, haben sich eine Menge Dinge angestaut, die erledigt werden mussten. So rannte er in der Stadt von Juwelier zu Juwelier, weil sich seine Freundin Vera zum Geburtstag ein ganz bestimmtes Armband gewünscht hat. Natürlich gab es enorme Preisunterschiede, und er hätte gar nicht sagen können, dass die teuren Armbänder unbedingt auch die waren, denen man den Preis ansehen konnte. Letztlich entschied sich Heiner aber doch für ein Schmuckstück, das ihm die Verkäuferin empfohlen hat, obwohl damit eigentlich schon seine Schmerzgrenze überschritten war. Als er endlich mit dem Geschenk nach Hause kam, reichte die Zeit nicht einmal mehr zum Wechseln der Winter- auf Sommerreifen.

Heiner sieht aus dem Fenster und blickt in eine vom Regen trostlos wirkende Landschaft. Seine Stimmung vermag dieser Anblick nicht gerade zu heben. Da fällt ihm ein, dass sie heute vielleicht wieder einmal am Nachmittag in die Sauna gehen könnten, was bei dem Wetter nicht die schlechteste Idee wäre.

„Sag mal, was hältst du davon, wenn wir heute Mittag auswärts Essen gehen? Was du für heute vorgesehen hast, kannst du auch noch morgen kochen. Ich schlage das neue Lokal in Polsum vor, von dem ich dir schon mal erzählt habe.“

„Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, aber wieso gerade in das Lokal, von dem wir nichts wissen und in dem noch keiner von unseren Bekannten war? Ich würde lieber in den Fuchsbau gehen, da wissen wir wenigstens, dass wir etwas Vernünftiges auf den Teller bekommen.“

„Ich möchte aber mal was Neues ausprobieren. Es sollte auch nur eine Kleinigkeit sein, um den Nachmittag zu überbrücken, weil ich den gerne mit dir im Maritimo verbringen würde. Wenn wir dann abends so richtig Hunger auf etwas Deftiges haben, kehren wir meinetwegen noch in den Fuchsbau ein.“

Von der großzügig gestalteten Saunalandschaft Maritimo in Oer-Erkenschwick und dem verlockenden Angebot, sich mittags und abends an einen gedeckten Tisch setzen zu können, muss Verena nicht lange überzeugt werden.

Auf den ersten Blick macht der Gastraum einen ganz passablen Eindruck. Heiner und Verena entscheiden sich für einen Nischenplatz, der nur von gedämmtem Licht beleuchtet wird. Nachdem beide Platz genommen haben, reicht ihnen ein Kellner die Speisekarte. Ein kurzer Blick in die Karte genügt, und Heiner entscheidet sich für ein Gericht mit einem Rindfleischsalat und einem Stück Ziegenkäse, wozu frisches Brot und diverse Dips gereicht werden. Verenas Wahl fällt auf einen leichten Salat. Über die Auswahl ihres Freundes zeigt sie sich allerdings verwundert. Als der Kellner das Essen serviert, ist sie deshalb auch nicht über seine Mimik, die Ekel beim Anblick der Speise ausdrückt, erstaunt.

„Was ist das denn für ein Käse?“, will Heiner wissen und sieht dabei fragend Verena an.

„Ein Ziegenkäse, wie es auf der Karte steht. Jetzt sag’ nicht, dass du etwas Anderes erwartet hast.“
Naserümpfend kostet Heiner eine kleine Ecke vom Käse, womit sein Entschluss feststeht, davon nichts mehr anzurühren.

Verenas Bemerkung, dass Ziegenkäse nicht gerade günstig ist, verleitet ihn dazu, den Kellner anzusprechen: „Ach, sagen Sie, wäre es vielleicht möglich, diesen Käse gegen ein Steak einzutauschen?“

Die Bedienung, die auf diesen schlechten Scherz nichts zu antworten weiß, lächelt nur gequält, während sich Heiner von seiner Partnerin, der das Ganze einfach nur peinlich ist, einen bösen Blick einfängt. Das Brot mit den undefinierbaren Cremezubereitungen schmeckt nicht schlecht, dennoch wird zumindest Heiner die nächsten Stunden mehr oder weniger hungrig und dementsprechend mürrisch verbringen müssen. Etwas mehr Grundlage hätte er sich schon gewünscht. Nachdem er dem Kellner signalisiert hat, dass er zahlen möchte, kann er sich einfach eine Bemerkung nicht verkneifen: „Wir hatten ein Wasser und eine Cola, einen Salat nach Art des Hauses und“, mit einem Fingerzeig auf seinen Teller, „eine äußerst übersichtlich gehaltene Speise.“

„Musste das gerade wieder sein?“, fährt ihn Verena im Auto sofort an.

„Du weißt genau, was ich meine“, giftet sie zurück. „Kannst du diese ewigen Sticheleien nicht mal sein lassen?“

Es gab eine Zeit, da hättest du dich darüber amüsiert.“

„Und überhaupt“, ihre nächste Frage, die eigentlich gar keine richtige Frage ist, schlägt wie eine Bombe bei ihm ein: „Sag mal, findest du nicht auch, dass es langsam an der Zeit ist, über eine Heirat nachzudenken?“

Das hat Heiner jetzt gerade noch gefehlt, und er muss sich schwer zusammenreißen. „Das ist jetzt aber ein krasser Themenwechsel. Wieso heiraten? Wozu sollten wir heiraten?“

„Ich dachte nur gerade.“

„Und ich dachte ungerade.“

„Was soll das schon wieder? Deine albernen Späße passen jetzt nicht. Wir könnten vielleicht einen Steuervorteil haben, um nur einen Grund zu nennen.“

„Aber nur vielleicht, denn so lange du mitarbeitest und als Chefsekretärin genau so viel wie ich verdienst, weißt du ganz genau, dass eine Änderung der Steuerklassen absolut nichts bringt.“

„Du sagst es, so lange ich mit-ar-bei-te. Aber was ist, wenn wir mal…“

„Ah, daher weht der Wind. Du meinst, wenn sich ein Kind ankündigt. Dann ist es doch immer noch früh genug und wir können heiraten. Sieh mal, ich liebe dich doch auch so, und ich sehe im Augenblick gar keine Veranlassung zu heiraten. Alles läuft doch prima und es ist gut so, wie es ist.“ Außerdem ist es auch viel einfacher sich zu trennen, falls man sich eines Tages nicht mehr verstehen sollte, fügt er in Gedanken für sich hinzu. Wer weiß schon, was das Leben noch für Überraschungen bereit hält? Eine Scheidung ist teuer und bedeutet jede Menge Ärger, das kennt er von einem seiner Arbeitskollegen. Wenn es nicht sein muss, will er sich nicht auch noch eine Ehe ans Bein binden.

Den restlichen Sonntag über herrscht bei den beiden erwartungsgemäß eine gedrückte Stimmung vor. Selbst die Saunagänge können sie nicht aus ihrem moralischen Tief herausholen.

Nach einer unruhigen Nacht wird Heiner am Morgen unsanft von Verena geweckt, die immer als erste aufsteht und sofort unter die Dusche springt: „Stellst du schon mal schnell die Kaffeemaschine an und machst uns einen Toast?“

„Na klar“, gibt er müde zur Antwort.

Als Verena mit noch nassen Haaren und im Morgenmantel am Frühstückstisch erscheint, fällt ihm ein, dass sie heute später nach Hause kommen wird.

„Wolltest du nicht heute nach Feierabend zum Friseur und dir neue Strähnchen machen lassen?“

Ja, das stimmt, das hatte ich vor. Aber ich habe mich anders entschieden und bleibe so, wie ich bin.“
„Wie? So? Im Nachthemd?“

„Ha ha, wie lustig! Wieso provozierst du mich eigentlich immer so?“

Wütend knallt Verena die Küchentür hinter sich zu, und Heiner bleibt still lächelnd am Frühstückstisch sitzen. Als er Verena mit einer Flasche Orangensaft zurückkommen hört, will ihr Heiner behilflich sein und öffnet ihr die Tür.

„Danke, aber die hätte ich auch ohne deine Hilfe mit dem Fuß aufstoßen können.“

„Das wusste ich noch gar nicht, dass man auch mit dem Fuß aufstoßen kann.“

„Jetzt reicht es mir, ich frühstücke im Büro.“

Das Thema Hochzeit dürfte vorläufig vom Tisch sein, ist sich Heiner sicher, und nachdem er zu Ende gefrühstückt und sich angekleidet hat, rüstet er sich für eine neue Arbeitswoche. Sein Tag als Filialleiter der Baumarktkette „Dach, Stein & Ziegel“ wird auch heute so verlaufen, wie schon unzählige Tage, Wochen, Monate und Jahre zuvor: Er wird sich mit dem eintönigen Bürokram auseinandersetzen müssen, wird sich die Nöte und Sorgen seiner Mitarbeiter geduldig anhören und selbstverständlich auch zu den Kunden höflich sein. Selbst dann, wenn sie Gartengeräte reklamieren, die sie erwiesenermaßen falsch bedient und damit zerstört haben. Aber dass sie aus reiner Dummheit…, nein, diese Äußerung darf er ihnen gegenüber natürlich nicht fallen lassen. Den Mund zu halten, gehört zu seinem Job, für den er immerhin gut bezahlt wird.

Als sich an diesem ersten Tag der Woche endlich auch der letzte seiner Mitarbeiter von ihm verabschiedet hat, ist Heiner froh, alleine zu sein. Ihm geht eine Meldung der Nachrichten, die er sich in der Mittagspause meistens anhört, nicht aus dem Kopf. Da war von so einer Gruppierung in Nigeria die Rede, von der in letzter Zeit immer häufiger berichtet wird: Boko Haram. Einige der Anhänger sollen mehr als zweihundert Schülerinnen aus einem Wohnheim entführt haben. Wie krank ist das denn? Was ist das nur für eine Welt, in der wir leben. Und vor allem, wo soll das noch hinführen? Erst Anfang des Jahres die Ermittlung gegen den Politiker Edathy wegen des Verdachts auf den Besitz von Kinderpornographie. Schlimm, das alles. Und auch die schrecklichen Bilder der Eskalation auf dem Maidan fallen ihm zu allem Übel jetzt auch noch ein. Da hat sich das eigene Volk bekämpft, wie es Jahre zuvor in dem ehemaligen Jugoslawien der Fall war.

Resigniert sieht er aus dem Fenster. Ich sollte mir vielleicht noch etwas die Beine vertreten und zu Fuß nach Hause gehen, bevor ich die Höhle des Löwen betrete. Die frische Luft wird mir gut tun.

Obwohl der Frühling bereits seine Vorboten ins Land geschickt hat und am Tag schon angenehme Temperaturen vorherrschen, kühlt es sich nach Sonnenuntergang schnell ab. Aber immerhin hat der Regen nachgelassen. Bevor es gleich auf seinem Handy klingelt und Verena wissen will, wo er wieder so lange bleibt, will er ihr zuvorkommen: „Hallo Schatz, ich mache gleich Feierabend und werde noch eine Runde drehen, um den Kopf frei zu kriegen. Der Tag war wieder anstrengend und…“

Unwirsch fährt ihn seine Lebensgefährtin mit einem sarkastischen Unterton an: „Ach, deiner war anstrengend? Bei mir war es das reinste Zuckerschlecken, weshalb ich direkt zu Hause mit der Hausarbeit weitermache. Ich will das in Zukunft mal mehr im Auge behalten, wie dich Ärmster deine Tage erschöpfen.“

„Im Auge behalten musst du das nicht, mein Schatz, das tut doch weh!“

„Jetzt komm’ mir bloß nicht wieder mit der Tour“, fährt ihn Verena wütend an. „Damit bringst du mich auf Hundertachtzig. Aber gut, dreh’ du ruhig noch eine Runde und genieß’ dein Leben in vollen Zügen, während ich…“

„Ob ich mein Leben auch in vollen Zügen genießen könnte, das sei dahingestellt“, gibt er ihr in gespielt ruhigem Ton zurück.

Heiner hat den Satz nicht ganz zu Ende gesprochen, da ist das Gespräch unterbrochen. Mit einem amüsierten Lächeln stellt er sich vor, wie wütend Verena den Hörer aufs Telefon geknallt hätte, wenn es sich nicht um ein modernes Smartphone handeln würde, bei dem sie lediglich wutentbrannt eine Beenden-Taste drücken muss.

Gedankenverloren, die Hände in den Manteltaschen vergraben, schlendert Heiner vom Zentrum in Gelsenkirchen-Buer die Horster Straße Richtung Beckhausen entlang. Als er von der Königgrätzer Straße in eine der Nebengassen abbiegt und gerade einen Blick in den abendlichen Himmel werfen will, wäre er beinahe über eine unscheinbare Aktentasche gestolpert. Er bückt sich und hebt die nicht gerade leichte Tasche auf, die aus einem derben Leder besteht und schon einen recht abgegriffenen Eindruck macht. Beidseitig ist sie mit einem Schloss versehen, wie er es noch von den ganz alten Koffern seiner Eltern kennt. Wirklich etwas getaugt haben die Schlösser nicht und vor allem haben sie immer geklemmt. Bei dem Gedanken, wie seine Mutter jedes Mal einen mittelschweren Anfall bekommen hat, wenn sie das Schloss mit den winzig kleinen, leicht verbiegbaren Schlüsseln öffnen wollte, kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen.

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Heiner sieht sich um und entdeckt ein paar Meter entfernt eine Bank. Nachdem er darauf Platz genommen hat, macht er sich neugierig an dem Schloss zu schaffen. Natürlich, es klemmt! War ja auch nicht anders zu erwarten. Er drückt ein wenig daran herum, zieht und schiebt und plötzlich gibt der kleine Mechanismus an einem Schloss nach. Voller Hoffnung nimmt er sich das andere Schloss vor und ist erstaunt, dass er hier weniger Mühen aufwenden muss. Ein leises „Klack“ verrät ihm akustisch, was seine Augen längst wahrgenommen haben. Neugierig klappt er den ledernen Überschlag der Tasche zur Seite und wirft einen Blick auf den Inhalt. Nein, was er da sieht, kann nicht wahr sein. Vorsichtshalber schließt er seine Augen, um sich zu sammeln. Dann, geradezu angstvoll, blickt er mit weit geöffneten Augen wieder in das Innere und hält vor Schreck die Luft an. Mehrere Bündel Geldscheine lachen ihn an und lassen ihn verstummen. Ein unheimliches Kribbeln wandert seinen Rücken herab. Er sieht sich nach allen Seiten um und stellt fest, dass er nach wie vor alleine ist. Niemand ist ihm gefolgt, niemand beobachtet ihn. Zögerlich greift er in die Tasche nach einem der Geldbündel. Schon an der grünen Farbe erkennt er die Einhundert Euro Noten. Er beginnt zu zählen und kommt auf einhundert Stück, die mit einer Banderole gebündelt sind. Mensch, das alleine müssen ja schon 10.000 Euro sein, schießt es ihm durch den Kopf. Spontan macht sich ein flaues Gefühl in seinem Magen breit. Wie viele dieser Päckchen befinden sich in der Tasche? Eins, zwei, drei, … siebenundvierzig, achtundvierzig, neunundvierzig, fünfzig. Fünfzig mal 10.000 Euro, das sind ja, das ist ja eine halbe Million! Zumindest dann, wenn die anderen Päckchen genau so viel…

Die Aktentasche von Beatrix Petrikowski

Cover von Die Aktentasche von Beatrix Petrikowski
Books on Demand 2016
Broschur
88 Seiten
ISBN 978-3-7412-2638-0

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