Schachtzeichen und andere Aktivitäten des Geschichtskreises

Dass die ehemaligen Bergleute nicht ständig in Erinnerungen an ihre Zeit als Kumpel schwelgen, wurde uns schon bei unserem ersten Besuch beim Bergmannsfrühstück klar. Die Mitglieder des Geschichtskreises Zeche Graf Moltke möchten aktiv die bergmännische Kultur pflegen und ihr Wissen über die Welt der Bergleute an die nachfolgenden Generationen weitergeben, denn nur, wer die Vergangenheit des Ruhrgebiets und seiner Bewohner kennt, kann die Zukunft gestalten. Deshalb, so berichten uns die ehemaligen Bergleute, engagieren sie sich besonders für Kinder und Jugendliche an Grund- und Hauptschulen und junge Leute mit Migrationshintergrund.

Im Freizeittreff Karo, in dem auch das Bergmannsfrühstück stattfindet, sprechen wir mit Bernard Brokamp, dem 2. Vorsitzenden des Vereins, der am 6. Juli 1958 in Damme im Kreis Vechta zur Welt kam. Sein Vater stammte aus einer großen Familie mit dreizehn Geschwistern und war selbst das jüngste Kind. Da er als Landwirt seine Familie in der Heimat nicht ernähren konnte, beschloss er im Jahr 1959 ins Ruhrgebiet zu ziehen. Zunächst wohnte die Familie in Erle, wo der Vater auf einem Bergwerk eine Arbeit fand und Bernard Brokamp die Schule besuchte. Weil sein älterer Bruder eine Ausbildung zum Elektriker auf dem Bergwerk Hugo machte, wurde der Familie im Frühjahr 1973 eine Werkswohnung angeboten. So stand ein Umzug nach Buer zum Brößweg 39 an, in ein Haus direkt neben dem Werkstor der Zeche, auf der auch Bernard Brokamp am 1. August 1973 eine Arbeit als Bergjungmann annahm. Nach einem Jahr konnte er nach der bestandenen Aufnahmeprüfung eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Betriebsschlosser auf der Schachtanlage beginnen. Im Anschluss daran war er als Betriebsschlosser über Tage beschäftigt und hat anschließend weitere drei Jahre als Schlosser im Streckenausbau unter Tage gearbeitet, mit dem Ziel, sich für die Bergbaufachschule zu qualifizieren. Er kann sich noch sehr gut daran erinnern, dass ihn der Reviersteiger Treiber „angetrieben“ hat, wie er uns schmunzelnd berichtet. Doch zwischenzeitlich musste er zunächst in der Zeit von Januar 1978 bis März 1979 seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr in Münster ableisten, wo er nach der Grundausbildung als Schlosser eine eigene kleine Werkstatt innerhalb der Fahrzeugreparatur hatte. Er führte die gerade anfallenden Reparaturen durch und beendete seine Dienstzeit als Hauptgefreiter. Von 1984 bis 1986 besuchte er ganztags die Bergbaufachschule in Recklinghausen und wurde bis zum 23. Juli 1986 nach erfolgreich abgelegter Prüfung als Steiger in der Maschinentechnik auf dem Bergwerk Hugo eingesetzt. 1989 zog er, mittlerweile verheiratet und Vater von zwei Kindern, nach Gladbeck und wurde wegen der Schließung der Zeche Hugo ab Januar 2000 als Maschinensteiger zum Bergwerk Friedrich-Heinrich, dem späteren Bergwerk West in Kamp-Lintfort, verlegt. Nach zweieinhalb Jahren wechselte er im Jahr 2002 zur Zeche Auguste-Victoria nach Marl, wo er bis zum Eintritt in den Vorruhestand im Juli 2007 arbeitete.

Einige Zeit, nachdem die Familie nach Gladbeck umgezogen war, wechselte Bernard Brokamp auch in der Gewerkschaft zur IG BCE Ortsgruppe Gladbeck-Mitte, deren Bildungsobmann er bis heute ist. Über die Gewerkschaftsarbeit hat er Walter Hüßhoff kennengelernt, mit dem er den REVAG Geschichtskreis Zeche Graf Moltke ins Leben gerufen hat. Die Mitglieder setzen sich aus ehemaligen Bergleuten zusammen, die zunächst in die Schulen gingen, um den Schülern von der Arbeit unter Tage zu erzählen. Besonderes Interesse bestand bei den Schülern, etwas über die Ausbildungsberufe im Bergbau zu erfahren. So nahm Bernard Brokamp Kontakt zu der Ausbildungsabteilung der Zeche Prosper-Haniel auf, die daraufhin Berufsberatungen an verschiedenen Schulen in Gladbeck durchführte. Als von einigen Schülern eine gemeinsame Wanderung angeregt wurde, schlugen die Bergleute einen Fußmarsch auf der ausgewiesenen Fahrradtour „Auf den Spuren des Bergbaus“ vor. Im Laufe der Zeit wurde die Tour um verschiedene Stationen, wie beispielsweise die Moltke-Siedlungen, erweitert und es entstand der Bergbauwanderweg. Inzwischen wurde der Wanderweg von Grundschülern der Vincenz- und Uhlandschule streckenweise ausgeschildert und es wurden einige Schautafeln mit Erläuterungen sowie Bänke auf der Halde aufgestellt, die zum Verweilen einladen.

Der REVAG Geschichtskreis Zeche Graf Moltke beteiligte sich ebenfalls an den Schachtzeichen, die, wie uns Bernard Brokamp berichtet, nach einer Idee von Volker Bandelow verwirklicht wurden. Als das Ruhrgebiet im Jahr 2010 zur Kulturhauptstadt Europas erklärt wurde, sind an über dreihundert Standorten früherer Zechen vom 22. bis 30. Mai gelbe Heliumballone mit einem Durchmesser von 3,70 Meter aufgestiegen. In Gladbeck wurden an fünf Standorten die ehemaligen Bergwerke markiert, wobei auf dem ehemaligen Gelände der Schachtanlage Graf Moltke 3/4 sogar zwei Ballons aufstiegen. Das Luftfahrtunternehmen GEFA-Flug aus Aachen hat speziell für diese Aktion die zahlreichen Helfer geschult und der Geschichtskreis Zeche Graf Moltke hat dazu täglich Veranstaltungen angeboten: In einer Ausstellung wurde das Leben der Bergarbeiterfamilien in früheren Zeiten des Bergbaus gezeigt und in der Aktion „Kunst am Karo“ gestalteten Kinder den Gladbecker Golem. Ein geselliger Abend mit Musik und außergewöhnlicher Bewirtung wurde beim „Moltke- und Hugoranertreffen“ allen Interessierten geboten, und eine Radtour führte zu allen vier Schachtzeichen in Gladbeck.

Mitglieder des Geschichtskreises lassen den Ballon aufsteigen
Mitglieder des Geschichtskreises lassen den Ballon aufsteigen | Foto © Bernard Brokamp

Ein Höhepunkt war das traditionelle Kinderschützenfest, wie es früher in den Bergbaukolonien gefeiert wurde. Schülerinnen und Schüler der Uhlandschule sorgten mit ihrer Aufführung „Karneval der Tiere“, ebenso wie die Auftritte der Jugendgarde der „Wittringer Ritter“ und der Kindergitarrengruppe Karo, für ein unterhaltsames Programm, das mit Spielen aus Omas Zeiten und einer Planwagenfahrt abgerundet wurde. Nach einem Aktionstag beim Stadtteilparkfest Butendorf und einem „Bergmannslauf“ mit dem „TV Einigkeit 1884“ rundete am letzten Tag ein Familien- und Nachbarschaftsfest die Veranstaltung ab.

Ausstellung im Freizeittreff Karo
Ausstellung im Freizeittreff Karo | Foto © Bernard Brokamp

Einzigartig, und darauf sind die Mitglieder des Geschichtskreises besonders stolz, war eine Wiederholung der Veranstaltung im darauf folgenden Jahr vom 21. bis 28. Mai, für die extra eine Auflassgenehmigung für den Ballon und die Erlaubnis von Volker Bandelow eingeholt werden musste, um für die Aktion die Bezeichnung „Schachtzeichen“ verwenden zu dürfen. Das Gladbecker Schachtzeichen 2011 stand unter dem Motto „Ballon der Wünsche“ und konnte, wie bereits im Jahr zuvor, mit einem umfangreichen Programm aufwarten. Nach der Eröffnung einer Ausstellung zum Bergbau wurde im Anschluss ein „Kumpelmeilenlauf“ gestartet. Für die Jugendlichen wurde ein Fußballturnier veranstaltet und die Kinder konnten
an einer Aktion mit der Gladbecker Jugendfeuerwehr teilnehmen. Ein geselliger Abend mit Musik und Currywurst war das „Moltke- und Hugoranertreffen“, an dem alle Interessierten teilnehmen durften. Neben einem Beachvolleyballturnier für mehrere Generationen, einer Radtour und dem Projekt „Das Leben der Bergarbeiterfamilien“ wurde in diesem Jahr ein „Kinder-Maifest“ mit Maibaumtanz und Spielen aus Omas Zeiten gefeiert. Für ein tolles Programm sorgten die Jugendgarde der „Wittringer Ritter“ und eine Breakdance-Gruppe. „Kunst am Karo“, ein Nachbarschaftstreffen der Moltke-Siedlungen I bis IV mit einem Skatturnier sowie der „Tag der Arbeitnehmerschaft“ mit Stockbrot am Lagerfeuer waren weitere Programmpunkte, bevor die Veranstaltungen auf dem Stadtteilparkfest Butendorf mit dem „Ballon der Wünsche“ zu Ende gingen.

Einmal im Jahr beteiligt sich der Geschichtskreis an der Ökumenischen Adventsfeier „Soziale Lichter im Advent“, zu der das IG BCE Regionalforum Gladbeck, die Sozialverbände und Vereine einladen. Die Adventsfeier findet wechselweise in der evangelischen Christuskirche oder der katholischen Lambertikirche statt und steht jedes Jahr unter einem anderen Motto, wie beispielsweise „Gewalt gegen Frauen“. Die gesammelten Spenden kamen in diesem Fall der Frauenberatungsstelle Gladbeck zugute. Seit 2012 wird im Rahmen der Feier die Auszeichnung „Töfter Kumpel“ für ehrenamtliches und soziales Engagement vergeben.

Gladbeck war vor der Bergbau-Ära überwiegend von Katholiken bevölkert, was sich mit dem Zustrom neuer Bevölkerungsgruppen schlagartig änderte. Eine evangelische Gemeindebildung wäre ohne den Bergbau in Gladbeck gar nicht möglich gewesen. Im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 entstand die Idee zu einer Ausstellungsreihe, die den Bergbau in die vier evangelischen Kirchen in Gladbeck holte. In Brauck wurde in der Petruskirche am Rosenhügel eine Ausstellung zum Thema „Leben und Arbeiten in Brauck“ gezeigt, zu der „Lieder aus der Kolonie“ gesungen wurden. In Rentfort hat man sich in der Martin-Luther-Kirche für eine Podiumsdiskussion entschieden, bei der die Rolle der Kohle in der zukünftigen Energiewirtschaft thematisiert wurde, während im evangelischen Gemeindehaus an der Söllerstraße in Zweckel eine Ausstellung „Kirche und Transport“ organisiert und Filmaufnahmen der ehemaligen Zechenbahn gezeigt wurden. Für die Ausstellung in der Christuskirche unter dem Titel „Kirche, Kohle, Kumpel“ haben sich die Mitglieder des Geschichtskreises Zeche Graf Moltke ein Dreivierteljahr vorbereitet. In Zusammenarbeit mit acht Schülern, vier Mädchen und vier Jungen, haben sie mit Werkzeugen einen Türstockausbau aus Holz aufgebaut, wie er in den Anfängen des Bergbaus üblich war. Letztlich entstand eine Strecke von sieben Metern Länge und zwei Metern dreißig Breite. Im Keller der Erich-Fried-Schule wurden die Teile zusammengebaut, um sie später den Besuchern in der Christuskirche präsentieren zu können. In einer Ecke wurde eine Kaue mit Haken, die mit typischer Arbeitskleidung der Bergleute von der Decke hingen, errichtet
und in einer Vitrine hat man Gegenstände aus dem Bergbau, wie alte Grubenlampen, ausgestellt. Eine Chronik vom Bergwerk Graf Moltke erklärte den Besuchern weitere interessante Details und vor der Kirche wurden zwei Tonnen Kohle aufgeschüttet, von der sich die Besucher ein Stück mitnehmen durften.

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Wenn Bernard Brokamp nicht seinen Aufgaben als Knappschafts-Ältester nachgeht, repariert er mit Schülern der Erich-Fried-Schule alte Fahrräder, die am Ende der Fahrrad-AG unter den Teilnehmern verlost werden. Er unternimmt aber auch selbst mit seinem Fahrrad oder dem Motorrad Touren und fährt gerne mit seiner Frau zu seinem Campingplatz, wo er auch seinem Hobby aus frühester Jugend, dem Angeln, nachgehen kann.

Bergmannsfrühstück von Beatrix und Michael Petrikowski

Cover von Bergmannsfrühstück von Beatrix und Michael Petrikowski
Books on Demand 2014
Broschur
224 Seiten
ISBN 978-3-7386-0524-2

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